Einmal Kanada und zurück

Interview mit Dr. Sebastian Stober zum Forschen im Ausland als Postdoc und zur erfolgreichen Rückkehr nach Deutschland

Sebastian Stober sitzt entspannt auf der Dachterrasse der Wissenschaftsetage Potsdam beim Science Club der Potsdam Graduate School. Erst kürzlich ist er nach Deutschland zurückgekehrt – nach gut zweieinhalb Jahren, die er als Postdoc in Kanada verbrachte. Jetzt baut er eine neue Forschergruppe an der Universität Potsdam auf: „Machine Learning in Cognitive Science“. Dr. Ute Eggers von der Potsdam Graduate School sprach mit ihm über seinen Postdoc-Werdegang.

 

PoGS: Hallo Sebastian, schön dass Du Zeit für unser Interview hast. Du bist Informatiker und forschst an der Schnittstelle zwischen Mensch und Computer. Kannst Du uns Deinen Forschungsschwerpunkt etwas näher erläutern?

Ich habe Informatik mit dem Schwerpunkt „intelligente Systeme“ studiert. Bei meiner Promotion kam die Musik als Anwendungsgebiet dazu, danach noch die Neurowissenschaften. Nun erforsche ich, wie man Eigenschaften von Musik in der Aktivität des Gehirns wiedererkennen kann.

Du warst als Postdoc gut zwei Jahre an der University of Western Ontario in Kanada. Wie kam es dazu?

Ich war auf der Suche nach einem Szenario, bei dem Mensch und Computer mit- und voneinander lernen. Bei meiner Recherche bin ich auf eine kanadische Forschergruppe gestoßen, die versucht, mit Patienten im Wachkoma zu kommunizieren. Das funktioniert über das Messen von Gehirnwellen, die der Computer lernen muss zu verstehen.  Das interessierte mich.

Die Forschung dazu steckt noch im Anfangsstadium und ist sehr experimentell. Konkret geben wir beispielsweise Probanden zwei sehr bekannte Musikstücke vor: Stück A steht für Ja, Stück B für Nein. Dann stellen wir den Probanden Ja-oder-Nein-Fragen und als Antwort stellt sich der Proband die Musikstücke vor. Dabei messen wir die Hirnströme und anhand derer wir herausbekommen können, welches Musikstück er sich vorstellt. Das Forschungssetting aufzustellen, hat ziemlich lange gedauert, aber jetzt bin ich gerade in Fahrt und möchte sehr gerne in dieser Richtung weiterforschen.

Das hört sich spannend an. Sicherlich war es schwierig, im OwenLab eine Stelle zu bekommen.

Der Schritt nach Kanada war fachlich am schwierigsten. Da ging es wirklich raus aus der „Komfortzone“, denn es ging nicht nur in ein neues Land, sondern auch in ein neues Forschungsgebiet, in dem ich ein Niemand war. Ich schrieb also eine Initiativbewerbung, ungefähr eine Seite als E-Mail. Darin schrieb ich etwas über meine Motivation, meinen bisherigen Forschungshintergrund und dann natürlich etwas dazu, warum ich es spannend finden würde, in der kanadischen Arbeitsgruppe zu forschen.

Der kanadische Professor, bei dem ich mich bewarb, hatte keine Ahnung wer ich bin. Ich hatte noch keine einzige Publikation auf seinem Gebiet – und er hatte den Riesennamen. Die erste E-Mail von mir prallte also am Sekretariat ab. So in dem Tonfall: „Vielen Dank für ihre Anfrage. Bei uns fragen ganz viele an, denen wir absagen müssen…“ Einziger Hoffnungsschimmer war der letzte Satz: „Allerdings, wenn Sie eine Finanzierung mitbringen…  Dann könnten wir mal schauen.“

Wie hast Du Deinen Forschungsaufenthalt dort finanziert?

Auf die leicht hoffnungsvoll stimmende E-Mail aus Kanada habe ich zurückgeschrieben, dass ich mich gerne um eine Finanzierung bemühen, aber die fachliche Unterstützung der kanadischen Forschungsgruppe brauchen würde. Zwei Postdocs haben daraufhin mit mir Kontakt aufgenommen und mich über die Forschungsgruppe informiert und alle aktuellen Paper und Veröffentlichungen zugeschickt. Mich in den Stand der Forschung einzuarbeiten hat ziemlich gedauert, da es ja ein vollkommen neues Forschungsgebiet für mich war. Ich hatte großes Glück, dass mein Chef in Magdeburg mich während dieser Zeit noch finanziell unterstützen konnte. In seiner Arbeitsgruppe gab es viele Forschungsprojekte mit der Industrie, in denen ich mitarbeiten konnte. Nach zwei bis drei Monaten hatte ich dann einen Mini-Draft, etwa 6-7 Seiten geschrieben, was ich methodisch anwenden könnte, und das fand der kanadische Professor sehr gut.

Daraufhin habe ich einen Antrag für ein "Outgoing Fellowship" im Rahmen der Marie Curie Förderung (2012 und 2013) gestellt. An Anträgen hatte ich schon mehrfach geschrieben oder mitgeschrieben und fand diesen richtig gut. Mein Professor auch. Trotzdem ist der Antrag nicht durchgekommen. Das Problem war wohl das interdisziplinäre Arbeiten, wodurch man es nicht jedem Experten Recht machen kann. Ich hatte auch noch nicht so das richtige Gespür für das neue Forschungsgebiet und so wurde der Antrag dann leider abgelehnt - eher wegen Nichtigkeiten und formellen Sachen. Zum Beispiel wurde nach klinischen Kriterien bewertet, obwohl der Antrag im Bereich Informatik eingereicht worden war und keine klinische Forschung enthielt.

Der kanadische Professor fand meine Forschungsskizze aber gut und hat mich trotzdem eingeladen, nach Kanada zu kommen. Er wollte mich erstmal aus eigenen Mitteln finanzieren. Parallel habe ich noch einen Antrag beim DAAD-Postdoc-Programm eingereicht. Die Antwort hat einige Zeit gedauert, da es für meinen interdisziplinären Antrag keinen Reviewer gab. Ein halbes Jahr später bekam ich aber Antwort und mir wurde eine einjährige Förderung zugesagt. Da war ich schon in Kanada. Nach einem Jahr DAAD-Förderung konnte ich nochmal Verlängerung beantragen, das wäre jetzt bis Ende Januar 2016 gegangen. 

Hast Du Tipps für Nachwuchswissenschafterlinnen und -wissenschaftler, die sich auch für Auslandsaufenthalte interessieren?

Mein wichtigster Tipp: Frühzeitig mit der Planung anfangen. Vom ersten Kontakt bis zur Arbeitsaufnahme in Kanada vergingen bei mir immerhin anderthalb Jahre!  Die Mühe hat sich aber gelohnt: Meine Zeit an der kanadischen Universität war eine unheimlich bereichernde Erfahrung. Als Postdoc ins Ausland zu gehen, ist der perfekte Zeitpunkt.

Wie hast Du die Rückkehr nach Deutschland organisiert?

Das Schwierigste war, aus der Entfernung ein passendes Forschungsumfeld zu finden und dann die Leute vor Ort zu überzeugen, dass es passt. Ohne Kontakte ist das natürlich sehr schwer.

Du bist auf der GAIN-Konferenz 2014 in den USA auf die Universität Potsdam gestoßen. Warum hast Du Dich gerade für diese Hochschule entschieden?

Ich wurde vom DAAD zur „Rückkehrer-Tagung“ des German Academic International Network (GAIN) nach Boston eingeladen. Dort waren einige interessante deutsche Universitäten unter den Ausstellern, aber Potsdam passte am besten! Die Kognitionswissenschaften hier sind sehr gut interdisziplinär aufgestellt, passend zu meinem Forschungsthema. Ich habe dann eine Forschungsskizze geschrieben, die gezielt an mögliche Forschergruppen der Universität weitergeleitet wurde. Dank eines Stipendiums für Anbahnungsreisen konnte ich im März 2015 nach Potsdam kommen und vor Ort mit verschiedenen Kollegen sprechen. Fachlich passte alles gut, aber es gab keine Möglichkeit, eine Stelle mit Tenure-Option zu finanzieren. Zwei Monate später wurde dann aber in den Kognitionswissenschaften eine Nachwuchsgruppenstelle für Machine Learning ausgeschrieben. Auf diese habe ich mich beworben.

Inzwischen arbeitest Du bereits einige Monate an der Universität Potsdam. Welchen Eindruck konntest Du bisher gewinnen?

Mir gefällt es sehr gut! Da Freunde in Potsdam wohnen, kannte ich die Stadt und ihre Umgebung schon. Und an der Uni bin ich sehr herzlich empfangen worden. Auch das soziale Umfeld finde ich hier gut. An der kanadischen Uni gab es zum Beispiel keine Mensa. Den kollegialen Austausch beim Mittagessen habe ich dort sehr vermisst.

Du nimmst am Programm „Senior Teaching Professionals“ der Potsdam Graduate School teil. Was interessiert Dich besonders?

Auf das Programm freue ich mich, weil ich mich gerne von anderen Lehrenden inspirieren lasse. Es ist ja ein Geben und Nehmen. Man knüpft zudem wertvolle Kontakte zur Peergroup. Ich habe in meiner bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn von Anfang an Lehre gemacht. Schon im dritten Semester habe ich als Tutor angefangen. An Lehre macht mir besonders Spaß, dass man wenn man anderen etwas beibringt, selbst am meisten lernt. Das ist auch ein Grund, weswegen ich gerne an einer Uni bin. In Kanada habe ich an universitären Weiterbildungen zu Lehre teilgenommen. Teilweise nutzen sie ganz andere Methoden, manches kann man sich aber auch gut abgucken.

Gab es an der Western University auch eine ähnliche Einrichtung wie die Potsdam Graduate School, die sich um die berufliche Karriereentwicklung von Postdocs kümmert?

Ja, die hatten eine gute Struktur und sind in Kanada ein ziemlicher Vorreiter. Zudem gab es das „Teaching Support Center“ mit Angeboten vom Tutor bis zum Professor, an denen auch alle Karrierestufen teilgenommen haben. Außerdem gab es „Brown Bag Lunches“, bei denen man sich zum Essen trifft und zum Beispiel zu schwierigen Studis oder zum Klassiker-Thema Prokrastination austauscht. Jeder erzählt von seinen eigenen Methoden und Erfahrungen. Das gibt es hier in Potsdam in ähnlicher Form im „Forum ProLehre“ bei den Teaching Professionals. In Kanada gab es die „Postdoc Association“. Das war auch gut zum Kontakte knüpfen und sich austauschen. Die Association hat einen regelmäßigen Stammtisch organisiert, ähnlich wie hier der "Science Club" der PoGS für Promovierende und Postdocs.

Lieber Sebastian, vielen Dank für das Interview! Wir hoffen natürlich, Dich bei der ein oder anderen Veranstaltung der Potsdam Graduate School wiederzusehen.

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